Wichtige Erkenntnisse
1. Ankunft in Irland: Eine Welt der Kontraste
die Bügelfalten hatten ihre schneidende Schärfe verloren, und die Sicherheitsnadel, die alte keltisch-germanische Fibel, trat wieder in ihr Recht;
Grenzen überschreiten. Schon an Bord des Dampfers nach Irland spürt Böll eine deutliche Veränderung: Der Geruch von Torf, das kehlig klingende Keltisch und eine andere soziale Ordnung signalisieren das Ende Englands. Armut ist hier weder Schande noch Ehre, sondern belanglos wie Reichtum, und die pragmatische Sicherheitsnadel ersetzt den Knopf, fördert den Faltenwurf und dient als vielseitiges Werkzeug.
Irische Eigenheiten. Böll beobachtet fasziniert die irischen „Weltrekorde“:
- Höchster Teeverbrauch pro Kopf
- Höchster Priesternachwuchs
- Höchster Kinobesuch
- Niedrigste Selbstmordrate
Diese Beobachtungen zeichnen ein Bild eines Landes, das trotz seiner Armut eine einzigartige Lebensweise pflegt, geprägt von tiefem Glauben, Gemeinschaft und einer gewissen Sorglosigkeit.
Erste Begegnungen. Die Überfahrt und die Ankunft in Dublin sind voller kleiner, prägender Momente: Nonnen, die sich wie großes Geflügel zurechtducken, eine junge Frau, die desillusioniert über Irlands Exportgüter – Kinder, Priester, Whiskey – spricht, und die allgegenwärtige Einsilbigkeit der Iren am Morgen, die Böll mit dem „Herrn Sorry“ vergleicht. Diese ersten Eindrücke legen den Grundstein für Bölls tiefere Auseinandersetzung mit der irischen Seele.
2. Die irische Zeit: Ein Geschenk der Fülle
Als Gott die Zeit machte, hat er genug davon gemacht.
Zeit als Gut. In Irland scheint die Zeit eine andere Bedeutung zu haben als auf dem Kontinent. Kinovorstellungen beginnen nicht pünktlich, sondern erst, wenn alle Priester versammelt sind, was oft zu erheblichen Verzögerungen führt. Diese Gelassenheit gegenüber der Pünktlichkeit wird durch die Redensart „Als Gott die Zeit machte, hat er genug davon gemacht“ auf den Punkt gebracht.
Sorglosigkeit und Gemeinschaft. Die Wartezeit im Kino wird nicht als Ärgernis empfunden, sondern als Gelegenheit für soziale Interaktion: Gespräche, Witze, der Verkauf von Süßigkeiten und Zigaretten (Rauchen ist erlaubt). Hier verschmelzen die Klassen, und die Menschen finden zusammen, um die Zeit zu verbringen, anstatt sie zu hetzen.
Kontrast zur Moderne. Böll reflektiert über die „neuzeitlichen Missgeburten, die keine Zeit haben“, und stellt sie der irischen Haltung gegenüber. Die Iren, die Zeit „verschwenden“, sind paradoxerweise auch die „Sparsamen“, da sie immer Zeit haben, wenn sie wirklich gebraucht wird. Diese Philosophie der Zeitnutzung ist ein zentrales Element des irischen Lebensgefühls.
3. Das Land der Emigration: Verlassene Dörfer und verlorene Jugend
So sieht also eine menschliche Siedlung aus, die man nach dem Tode in Frieden gelassen hat.
Skelette der Vergangenheit. Böll stößt auf ein verlassenes Dorf, dessen graue Steingiebel wie ein Skelett einer menschlichen Siedlung am Berghang liegen. Wind, Sonne, Regen und Zeit haben alles, was nicht Stein war, weggefressen, und die Ruinen zeugen von einer einst blühenden Gemeinschaft, die vor hundert Jahren fünfhundert Menschen beherbergte.
Die Realität der Entvölkerung. Niemand kann genau sagen, wann und warum das Dorf verlassen wurde; es gibt so viele davon in Irland. Die alte Nachbarin, die das Dorf schon als Kind verlassen vorfand, hat selbst sechs Kinder, von denen nur zwei in Irland geblieben sind. Die anderen sind nach Manchester, in die USA oder nach London ausgewandert, ein Schicksal, das viele irische Familien teilen.
Der Kreislauf der Emigration. Die wirtschaftliche Not zwingt die Jugend, das Land zu verlassen. Der kleine Pius, das neunte Kind der Mrs. D., wird in vierzehn Jahren wahrscheinlich ebenfalls mit einem Pappkoffer an der Bushaltestelle stehen, um nach Cleveland, Manchester oder Sydney zu reisen. Diese Abschiede, oft unter Tränen und im Regen, sind ein fester Bestandteil des irischen Lebens und prägen die melancholische Landschaft.
4. Glaube und Alltag: Zwischen Kitsch und tiefer Frömmigkeit
Bete für die Seele des Michael O'Neill, der am 17.1.1933 60jährig starb.
Zwei Gesichter der Kirche. Böll erlebt zwei sehr unterschiedliche Kirchen: die saubere, leere und patriotische St. Patrick's Cathedral, die ihm kalt und unpersönlich erscheint, und eine andere, überfüllte, „schusselige“ Kirche voller Kitsch, aber auch voller Leben und tiefer Frömmigkeit. Hier beten Schuljungen mit Hurlingschlägern, und Öllämpchen brennen vor bunten Heiligenbildern.
Kitsch und Hingabe. Der Autor bemerkt den Neon-Heiligenschein um Mariens Haupt und das phosphoreszierende Kreuz im Weihwasserbecken als Errungenschaften der Devotionalienindustrie. Trotz des Kitsches ist die Hingabe der Gläubigen spürbar. Die kleinen Emailletafeln auf den Kirchenbänken, die zum Gebet für Verstorbene auffordern, verbinden die persönliche Geschichte mit dem kollektiven Glauben.
Die Schönheit der Füße. In einer der eindringlichsten Szenen beschreibt Böll die Füße der Mary McNamara, einer Frau, die in der Abgeschiedenheit der Küste ihr Kind zur Welt bringt. Diese Füße, die über Felsen klettern, durch Moore waten und sich gegen die Bettstäbe stemmen, werden als „die schönsten Füße der Welt“ gepriesen – ein Symbol für die Härte, Zartheit und Kraft des irischen Lebens, das sich im Glauben verankert.
5. Der allgegenwärtige Regen: Die Härte des Wassers
Weil Wasser härter ist als Sand.
Regen als Element. Der irische Regen ist für Böll nicht einfach „schlechtes Wetter“, sondern ein absolutes, großartiges und erschreckendes Element. Er erinnert an die Aussage eines Piloten, der ein brennendes Flugzeug lieber auf Sand als auf Wasser landete, weil „Wasser härter ist als Sand“. Diese Härte des Wassers prägt die Landschaft und das Leben der Menschen.
Die Sintflut im Haus. Wenn der Regen wochenlang fällt, Pfützen ins Haus kriechen und Spielzeug zu schwimmen beginnt, wird die biblische Sintflut zur greifbaren Realität. In solchen Momenten ist es gut, Kerzen, die Bibel und Whiskey im Haus zu haben, um dem Trommeln des Regens und dem Heulen des Windes zu trotzen.
Anpassung und Gastfreundschaft. Die Iren haben gelernt, mit dem Regen zu leben. Busse fahren auch bei „Schwimmwetter“, und ein durchnässter Fremder, der das Haus für ein Hotel hält, wird selbstverständlich hereingezogen und bewirtet. Der Regen ist eine ständige Präsenz, die die Menschen formt und ihre Resilienz stärkt.
6. Die politische Naivität: Ein ambulanter Zahnarzt in Irland
Schade, daß auch du dich von der englischen Propaganda hast betören lassen, schade.
Der „Hitler-Zahn“. Böll wird in Irland immer wieder mit der politischen Naivität konfrontiert, insbesondere wenn es um die deutsche Geschichte geht. In einer Bar muss er Padraic, einem Iren, den „Zahn“ ziehen, indem er ihm die Gräueltaten Hitlers erklärt. Padraic glaubt, Hitler sei „kein so schlechter Mann, nur ging er ein wenig zu weit“, und vermutet englische Propaganda.
Die Rolle des Aufklärers. Böll sieht sich als „ambulanter politischer Zahnarzt“, der die schmerzhafte Wahrheit ohne Betäubung vermitteln muss. Diese Aufgabe ist ermüdend, aber notwendig, um die historischen Verzerrungen zu korrigieren. Die Iren, die selbst unter kolonialer Unterdrückung litten, neigen dazu, die Feinde ihrer Feinde zu romantisieren.
Die Komplexität der Sympathie. Böll erklärt Padraic, dass man die Deutschen „nicht wegen, sondern trotz Hitler gern haben“ muss. Es ist peinlich, wenn Sympathie aus verdächtigen Quellen gespeist wird. Diese Auseinandersetzung zeigt Bölls Engagement, auch im Urlaub die Verantwortung für die deutsche Geschichte zu tragen und Missverständnisse aufzuklären.
7. Irischer Fatalismus: „It could be worse“ und „I shouldn't worry“
Was passiert, ist nie das Schlimmste, sondern das Schlimmere ist nie passiert: stirbt einem die geliebte und hochverehrte Großmutter, so hätte ja auch noch der geliebte und verehrte Großvater sterben können;
Die Kunst des Trostes. Wenn in Deutschland etwas Schlimmes passiert, ist es sofort das Schlimmste. In Irland hingegen lautet die häufigste Redensart: „It could be worse“ (Es könnte schlimmer sein). Diese Haltung ist nicht nur tröstlich, sondern erfordert auch eine poetische Begabung und einen leichten Sadismus, um die noch schlimmeren Szenarien auszumalen.
Unbegrenzter Kredit des Schicksals. Der irische Fatalismus gewährt dem Schicksal unbegrenzten Kredit. Wenn Kinder krank sind, preist man sich glücklich, selbst noch auf den Beinen zu sein, um sie pflegen zu können. Diese Denkweise ist eine Überlebensstrategie in einem Land, das von Armut, Emigration und historischen Katastrophen wie der großen Hungersnot geprägt ist.
Die Sorge als Luxus. Die Zwillingsschwester von „It could be worse“ ist „I shouldn't worry“ (Ich würde mir keine Sorgen machen). Dies wird von einem Volk gesagt, das allen Grund hätte, sich ständig zu sorgen. Der Schock der Hungersnot, die den Bevölkerungsrückgang von sieben auf vier Millionen verursachte, wirkt bis heute nach und zwingt viele Kinder zur Auswanderung.
8. Die Geburt der Mythen: Geschichte als Erzählung
Lachend stand George neben mir: auch er hatte einen Mythos in seine Kamera hineingeschnurrt: St. Ciarans Kapelle im Dämmer und den alten Mann, weißhaarig, versonnen;
Die Macht der Erzählung. Böll erlebt, wie Geschichte und Mythen in Irland entstehen. Ein alter Mann, der für einen Film gefilmt wird, wie er vor der untergehenden Sonne seine Pfeife raucht, wird zum Symbol für die „teure Heimat“ für Iren in den USA. Die Realität wird für die Kamera inszeniert und zu einer romantischen Erzählung verdichtet.
Missverständnisse als Mythengrundlage. Bölls Versuch, die historische Wahrheit über Rommel und seine eigene Rolle als „Henry“ zu korrigieren, scheitert. Seine Rufe „Nein, nein, nein!“ werden missverstanden und tragen zur Mythenbildung bei. Die Geschichte dringt in entlegene Ecken der Welt ein, nicht als Fakten, sondern als vereinfachte, oft verzerrte Erzählungen.
Die Hunde von Dukinella. Dreizehn Jahre später stellt Böll fest, dass sich Irland verändert hat. Die Hunde von Dukinella, die einst jedes Auto bellend verfolgten, haben sich an die Moderne gewöhnt und laufen nicht mehr hinterher. Diese kleine Beobachtung symbolisiert den Wandel des Landes, das sich von seinen alten Mythen löst und neue Realitäten schafft.
9. Abschied und bleibende Eindrücke: Ein Lächeln zum Schluss
Sie lächelte mir zu, und ich lächelte zurück.
Ein schwerer Abschied. Der Abschied von Irland fällt Böll schwer, auch wenn die Umstände – leere Kassen, Kälte, schiefe Fußböden in der Pension – auf die Notwendigkeit der Abreise hindeuten. Die letzten Nächte in Dublin sind von surrealen Träumen geprägt, in denen das Nationalmuseum und seine Exponate lebendig werden und die Geschichte Irlands Revue passieren lassen.
Dublin im Traum. Bölls Träume sind eine Mischung aus Realität und Fantasie:
- Leuchtende Schuhe der St. Brigid
- Weinende Mädchen mit giftgrünen Hüten in Trinity College
- Brüllende Löwen und turnende Gibbons im Zoo
- Ein Polizist, der sein „Rainfall-Book“ zeigt
Diese Bilder spiegeln die Eindrücke der Reise wider, die sich im Unterbewusstsein festgesetzt haben.
Ein letztes Lächeln. Trotz der Melancholie des Abschieds und der rauen Realität des irischen Alltags bleibt am Ende ein Gefühl der Verbundenheit. Das Lächeln des Schalterbeamten, der endlich das Geld auszahlt, und das Lächeln einer jungen Frau, die einen orangefarbenen Milchtopf auf die Fensterbank stellt, sind kleine Gesten, die die Reise mit einem positiven, menschlichen Ton abschließen. Irland, mit all seinen Kontrasten und seiner einzigartigen Seele, hinterlässt einen tiefen und bleibenden Eindruck.
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Rezensionen
Irisches Tagebuch by Heinrich Böll depicts 1950s Ireland through a collection of essays and anecdotes rather than traditional travel writing. Reviewers praise Böll's poetic, precise language and his warm portrayal of Irish people facing poverty with humor and resilience. The book captures a vanished Ireland—poor, deeply Catholic, marked by emigration—that transformed dramatically within decades. While some readers find the prose overly romantic or detached, most appreciate Böll's intimate observations of daily life, landscape, and character. The work resonates as both a love letter to Ireland and a valuable historical document, inspiring wanderlust despite describing hardship.
